Schmerz ist lebenswichtig: Er warnt uns vor Verletzungen und schützt unseren Körper. Wird er chronisch, verliert er diese Schutzfunktion und wird selbst zum Problem. Je nach Erhebung geben bis zu 30 Prozent der Menschen in Deutschland chronische, nicht tumorbedingte Schmerzen an. Medikamente können helfen, haben aber teils Nebenwirkungen. Hypnose gegen Schmerzen setzt an einer anderen Stelle an: Sie verändert nicht den Schmerzreiz selbst, sondern die Art, wie das Gehirn ihn verarbeitet. Dieses Verfahren begleiten wir auch in unserer Praxis für Hypnose in München ergänzend zur ärztlichen Behandlung.
Wie Schmerz entsteht: Die Gate-Control-Theorie
Um zu verstehen, warum Hypnose gegen Schmerzen eingesetzt wird, hilft ein Blick darauf, wie Schmerz entsteht. Die 1965 von Ronald Melzack und Patrick Wall formulierte Gate-Control-Theorie ist bis heute ein viel zitiertes Erklärungsmodell.
Das „Tor“ im Rückenmark
Nach dieser Theorie gibt es im Rückenmark eine Art Torschaltung, die Schmerzsignale auf dem Weg zum Gehirn verstärkt oder abschwächt. Dabei spielen auch psychische Faktoren eine Rolle. Nach heutigem Verständnis beeinflussen unter anderem diese Faktoren das Schmerzerleben:
Kann Schmerz verstärken:
- Angst und Anspannung
- Starke Aufmerksamkeit auf den Schmerz
- Depression und Hoffnungslosigkeit
- Stress
- Die Erwartung von Schmerz
Kann Schmerz lindern:
- Entspannung und innere Ruhe
- Ablenkung und Fokussierung auf anderes
- Positive Emotionen und Zuversicht
- Das Gefühl von Kontrolle über den Schmerz
Die zentrale Erkenntnis: Schmerz ist kein reiner Reflexvorgang, sondern das Ergebnis einer komplexen Verarbeitung, an der Körper und Psyche gleichermaßen beteiligt sind. Genau hier setzt Hypnose gegen Schmerzen an.
Was im Gehirn passiert: Hypnose und Schmerzverarbeitung
Messungen am Gehirn zeigen, dass sich die Schmerzverarbeitung unter Hypnose verändert (Deutsche Schmerzgesellschaft). Die körperlichen Schmerzsignale bleiben bestehen, die Wahrnehmung verändert sich. Neurophysiologische Studien zeigen außerdem, dass sich je nach Formulierung der Suggestion unterschiedliche Aspekte des Schmerzes und unterschiedliche Hirnareale beeinflussen lassen (Jensen & Patterson, 2014).
Patienten berichten häufig, dass der Schmerz zwar noch wahrnehmbar ist, seine emotionale Belastung aber abnimmt. Wie sich das im Alltag anfühlt, beschreiben unsere Klientinnen und Klienten unterschiedlich. Einen ehrlichen Eindruck vermitteln unsere Erfahrungsberichte.
Anwendungsgebiete: Wo Hypnose bei Schmerzen eingesetzt wird
Hypnose wird bei vielen Schmerzarten ergänzend eingesetzt. Wie gut die Wirkung belegt ist, unterscheidet sich je nach Schmerzart.
Chronische Schmerzen
Chronische Schmerzen sind Schmerzen, die länger als drei Monate andauern.
Rückenschmerzen: Rückenschmerzen sind sehr verbreitet. Bei chronischen Verläufen spielen psychische Faktoren wie Angst-Vermeidungs-Verhalten und Katastrophisieren oft eine große Rolle. An diesen Faktoren kann Hypnose ansetzen.
Migräne und Kopfschmerzen: Eine der ersten kontrollierten Studien zu diesem Thema (Anderson, Basker & Dalton, 1975) berichtete eine Verringerung der Migränehäufigkeit durch Hypnose. Wie stark die Wirkung ausfällt, ist individuell sehr unterschiedlich (Jensen & Patterson, 2014).
Fibromyalgie: Übersichtsarbeiten beschreiben positive Effekte der Hypnose, bewerten die Qualität der zugrunde liegenden Studien aber als gering (Bernardy et al., 2011).
Neuropathische Schmerzen
Neuropathische Schmerzen entstehen durch Schädigungen oder Erkrankungen des Nervensystems. Sie sind schwer zu behandeln, da klassische Schmerzmittel oft nur begrenzt wirken. Für Hypnose liegen hier vor allem kleinere Studien vor, etwa bei Schmerzen nach Rückenmarksverletzung. Phantomschmerzen und Nervenschmerzen, etwa bei Diabetes oder nach Gürtelrose, gehören zu den Feldern, in denen Hypnose ergänzend versucht wird. Belastbare Wirksamkeitsnachweise sind hier begrenzt.
Operationen
Für Hypnose als Begleitung bei Operationen gibt es eine vielzitierte Metaanalyse von Montgomery, David, Winkel, Silverstein und Bovbjerg (2002, Anesthesia & Analgesia). Sie wertete 20 kontrollierte Studien aus und kam zu dem Ergebnis, dass Patientinnen und Patienten mit begleitender Hypnose bessere Ergebnisse hatten als 89 Prozent der Patienten in den Kontrollgruppen. Berücksichtigt wurden unter anderem Angst, Schmerz, Schmerzmittelverbrauch, körperliche Messwerte, Erholung (zum Beispiel postoperatives Erbrechen) und Eingriffsdauer. Zwischen diesen Bereichen fanden die Autoren keine bedeutsamen Unterschiede. Die Metaanalyse ist über 20 Jahre alt.
Zahnmedizin und Geburtshilfe
In der Zahnmedizin wird Hypnose ergänzend eingesetzt, besonders bei Zahnarztangst. Für Schmerzen unter der Geburt ist die Studienlage uneinheitlich: Ein Cochrane-Review (Madden et al., 2016) fand Hinweise, dass Hypnose den Gebrauch von Schmerzmitteln insgesamt verringern kann, allerdings bei sehr geringer Qualität der Evidenz und nicht für Periduralanästhesien. Eine neuere Übersichtsarbeit von 2024 fand keine bedeutsame Verringerung des Schmerzmittelgebrauchs. Ein günstiger Einfluss auf den Geburtsverlauf ist nicht belegt.
Studienlage: Was die Wissenschaft zu Hypnose gegen Schmerzen sagt
- Deutsche Schmerzgesellschaft: Sie bewertet in ihrer Patienteninformation die Wirksamkeit von Hypnose bei der Behandlung von Schmerzen als wissenschaftlich gut belegt.
- Chronische Schmerzen: Ein Überblick über 13 kontrollierte Studien (Elkins, Jensen & Patterson, 2007) fand durchgehend bedeutsame Schmerzminderungen, und Hypnose war meist wirksamer als Aufmerksamkeitskontrolle, Physiotherapie oder Aufklärung. Die Studien waren allerdings klein, uneinheitlich durchgeführt und ohne Langzeitnachbeobachtung. Jensen und Patterson (2014, American Psychologist) fassten zusammen, dass klinische Studien eine schmerzlindernde Wirkung zeigen, die Ergebnisse aber von Person zu Person variieren und die Behandlung auch Effekte über die Schmerzlinderung hinaus hat.
- Metaanalyse von 85 Studien: Thompson et al. (2019) fanden mäßige bis große schmerzlindernde Effekte der Hypnose. Entscheidend waren unter anderem die Hypnotisierbarkeit der Teilnehmenden und die Art der Suggestion. Die Autoren weisen darauf hin, dass die klinische Evidenz häufig nur von geringer methodischer Qualität ist.
Kurz gesagt: Die Wirkung ist gut untersucht und in vielen Studien nachweisbar, fällt aber individuell unterschiedlich aus, und nicht alle Anwendungsgebiete sind gleich gut belegt.
Selbsthypnose-Technik bei Schmerzen: „Die Schmerzfernbedienung“
Diese Technik können Sie im Alltag ausprobieren. Sie ersetzt keine ärztliche Behandlung, und neue oder starke Schmerzen sollten zuerst ärztlich abgeklärt werden.
Schritt-für-Schritt-Anleitung
Vorbereitung: Setzen oder legen Sie sich bequem hin. Schließen Sie die Augen.
Entspannung: Atmen Sie langsam und tief. Beim Einatmen zählen Sie innerlich bis 4, beim Ausatmen bis 6. Lassen Sie mit jedem Ausatmen die Anspannung aus Ihrem Körper fließen.
Schmerzwahrnehmung: Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf den Schmerz. Geben Sie ihm eine Farbe, eine Form, eine Temperatur. Wie groß ist er? Ist er heiß oder kalt? Pulsiert er oder ist er konstant?
Die Fernbedienung: Stellen Sie sich vor, Sie halten eine Fernbedienung in der Hand. Sie hat einen Regler für den Schmerz, von 10 (maximal) bis 0 (schmerzfrei). Stellen Sie den Regler auf den Wert, der Ihrem aktuellen Schmerz entspricht. Dann drehen Sie ihn langsam herunter, Stufe für Stufe. Die Farbe wird blasser, die Form kleiner, die Temperatur angenehmer.
Angenehmes Gegenbild: Stellen Sie sich nun vor, wie an der Stelle des Schmerzes ein angenehmes Gefühl entsteht, Wärme, Kribbeln, Leichtigkeit. Lassen Sie dieses Gefühl sich ausbreiten. Verstärken Sie es mit jedem Atemzug.
Verankerung: Wenn das angenehme Gefühl am stärksten ist, drücken Sie Daumen und Mittelfinger zusammen. Diesen Anker können Sie im Alltag aktivieren, wenn der Schmerz wieder stärker wird.
Rückführung: Zählen Sie langsam von 5 bis 1 und öffnen Sie die Augen.
Tipp: Üben Sie die Technik zunächst bei leichten Schmerzen. Mit etwas Übung fällt es meist leichter, sich zu entspannen und die Vorstellungsbilder aufzubauen.
Wann sich eine professionelle Begleitung lohnt
Die Selbsthypnose-Technik ist ein Einstieg, ersetzt aber keine individuelle Begleitung. Gerade bei chronischen oder komplexen Schmerzbildern kann eine Therapeutin die Technik gezielt auf Ihre Situation zuschneiden. Einen ersten Anhaltspunkt bei der Wahl der passenden Praxis geben auch die Bewertungen anderer Klientinnen und Klienten.
Sie leben mit chronischen Schmerzen und möchten ergänzende Wege ausprobieren? In unserer Praxis für Hypnose München besprechen wir, wie Hypnose Ihre bestehende Schmerztherapie sinnvoll ergänzen kann. Vereinbaren Sie hier ein unverbindliches Erstgespräch.
Einen Überblick über alle Themen finden Sie unter Anwendungsbereiche. Weitere Artikel rund um Hypnose finden Sie in unserem Blog.
FAQ - Häufig gestellte Fragen
Kann Hypnose Schmerzen komplett ausschalten?
In seltenen Fällen ist eine weitgehende Schmerzausschaltung möglich, etwa bei manchen chirurgischen Eingriffen unter Hypnose. Im Alltag geht es bei Hypnose gegen Schmerzen realistischerweise um eine deutliche Reduktion der Schmerzwahrnehmung und der emotionalen Belastung durch den Schmerz.
Wie viele Sitzungen braucht man bei chronischen Schmerzen?
Das ist individuell verschieden und hängt von Schmerzart, Dauer und persönlicher Situation ab. Häufig geht es darum, Selbsthypnose-Techniken zu erlernen, die Sie eigenständig im Alltag anwenden können. Wie viele Termine sinnvoll sind, bespricht die Therapeutin individuell mit Ihnen.
Kann Hypnose Schmerzmittel ersetzen?
Nein. In Studien zu Operationen war der Schmerzmittelverbrauch mit begleitender Hypnose in einzelnen Auswertungen geringer, ein Ersatz für Medikamente ist Hypnose aber nicht. Die Entscheidung über Medikation trifft immer der behandelnde Arzt. Setzen Sie niemals eigenständig Schmerzmittel ab.
Funktioniert Hypnose bei allen Schmerzarten?
Die Studienlage ist je nach Schmerzart unterschiedlich gut, und die Wirkung fällt individuell verschieden aus. Bei akuten Schmerzen mit klarer organischer Ursache, etwa einem Knochenbruch, ist zuerst die medizinische Behandlung der Ursache entscheidend. Hypnose kann hier höchstens ergänzend die Schmerzwahrnehmung beeinflussen.